Der Skandal Des Angesichts

Du sollst keine andern Götter neben mir haben!2. Mose 20:3
Spricht Jesus zu ihm: So lange Zeit bin ich bei euch, und du kennst mich noch nicht? Philippus, wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen! Wie kannst du sagen: Zeige uns den Vater?Johannes 14:9
Dr. Ernst Diehl

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Dr. Ernst Diehl

Zusammenfassung: Oft bevorzugen wir irrtümlicherweise ein abstraktes Konzept Gottes, da wir es für anspruchsvoller halten, als die konkrete Person Jesu anzunehmen. Doch dies ist eine Flucht vor der Realität und eine raffinierte Form spiritueller Verborgenheit. Die Heilige Schrift offenbart, dass Gott nie beabsichtigte, dass wir eine formlose Leere anbeten; seine Gegenwart wurde stets vermittelt und kulminiert in Jesus Christus, dem inkarnierten Angesicht des unsichtbaren Vaters. Deshalb geht es bei deiner spirituellen Reise nicht darum, über Jesus hinaus auf etwas Kosmischeres zu blicken. Vielmehr ermutige ich dich, deinen Blick intensiv auf ihn zu richten, denn dabei erfüllst du das älteste Gebot, sein Angesicht zu suchen und Gott wirklich so zu sehen, wie er tatsächlich ist.

Es ist eine besondere Arroganz, den Gott der Philosophen dem Gott der Fischer vorzuziehen. Wir verstecken uns oft hinter einem anspruchsvollen, abstrakten Gottesbegriff, einem unendlichen, gütigen Nebel aus Liebe oder Energie, weil es sich sicherer und intellektueller anfühlt, als vor einem jüdischen Zimmermann aus dem ersten Jahrhundert die Knie zu beugen. Wir reden uns ein, dass ein Fortschreiten über die konkrete Person Jesu hinaus zu einer breiteren, kosmischeren Spiritualität ein Zeichen von Reife ist, eine Art des Aufstiegs über die angeblich naiven Geschichten unserer Jugend. Doch dieser hochgeistige Rückzug ins Abstrakte ist überhaupt kein Aufstieg; er ist eine Flucht vor der Realität. Es ist eine bequeme Art, eine Gottheit anzubeten, die keine Forderungen stellt und keine Augen hat, um in unsere zu blicken. Es ist, ganz einfach, eine raffinierte Form spiritueller Verborgenheit.

Die Heilige Schrift durchschneidet diesen Nebel mit einem Gebot, das oft missverstanden wird. Als Gott im Exodus verkündete, dass sein Volk keine anderen Götter vor ihm haben sollte, impliziert der hebräische Text ein tiefgreifendes Verbot, ihn getrennt von seinem Angesicht zu suchen. Der Schöpfer beabsichtigte nie, dass wir eine formlose Leere oder ein distanziertes Konzept anbeten. Im Laufe der Geschichte hat er seine Gegenwart vermittelt und ist im Alten Testament als der Engel seines Angesichts erschienen, eine deutliche Manifestation, die seinen Namen trug und der Menschheit erlaubte, dem Unendlichen zu begegnen, ohne verzehrt zu werden. Die alte Warnung war klar: Eine Version Gottes abseits dieses offenbarten Angesichts zu konstruieren, selbst wenn wir ihr hohe und erhabene Titel zuschreiben, bedeutet, ein Götzenbild unserer eigenen Vorstellungskraft zu erschaffen.

Dieses alte Muster findet seine schockierende Kulmination im Neuen Testament. Als der Jünger Philippus fragte, vielleicht mit derselben Sehnsucht nach einer direkten, überwältigenden Vision des Göttlichen, den Vater gezeigt zu bekommen, zeigte Jesus nicht zum Himmel oder bot eine metaphysische Theorie an. Er zeigte auf sich selbst und erklärte, dass jeder, der ihn gesehen hat, den Vater gesehen hat. Dies ist der skandalöse Kern unseres Glaubens. Jesus ist nicht bloß ein Bote, der auf das Göttliche hinweist; er ist das autorisierte, inkarnierte Angesicht des unsichtbaren Vaters. Er ist der genaue Ort, wo die brennende Heiligkeit Gottes in menschlichem Fleisch verhüllt ist, damit wir uns nähern und leben können.

Daher ist die Einladung, dein geistliches Leben zu vertiefen, keine Einladung, über Jesus hinaus auf etwas Kosmischeres zu blicken, sondern direkt und mit größerer Intensität auf ihn zu schauen. Wahre Anbetung findet sich nicht in der Stille eines leeren Universums, sondern in den konkreten Worten und Taten des Sohnes. Jesus lediglich als Ausgangspunkt für eine fortgeschrittenere, formlose Spiritualität zu behandeln, bedeutet, das Ziel gänzlich zu verfehlen. Das tiefgreifende Paradoxon des Glaubens ist, dass der weite, unerkennbare Schöpfer sich nur durch die spezifischen Züge Christi erkennbar gemacht hat.

Ich ermutige dich, die schwere Last einer hochgeistigen, abstrakten Theologie abzulegen und deinen Blick einfach auf die Person Jesu zu richten. Es mag sich einfacher anfühlen, oder vielleicht sogar erschreckend intim, nicht als Konzept, sondern als ein Mensch, der dich hört, mit ihm zu sprechen. Doch dabei erfüllst du das älteste Gebot, sein Angesicht zu suchen. Indem du deine Augen allein auf Jesus richtest, beschränkst du deine Sicht auf Gott nicht; du siehst ihn endlich so, wie er tatsächlich ist.