2. Mose 20:3 • Johannes 14:9
Zusammenfassung: Unsere theologische Untersuchung erforscht die tiefgreifende Verbindung zwischen dem Ersten Gebot in Exodus 20,3: „Du sollst keine anderen Götter haben neben Mir“, und Jesu Erklärung in Johannes 14,9: „Wer Mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen.“ Wir behaupten, dass dieses alte Verbot im Wesentlichen ein christologischer Auftrag ist: eine Warnung davor, den Vater außerhalb Seines offenbarten Angesichts, das der Sohn ist, zu suchen oder anzubeten. Der Ausdruck `al-panai` („auf Mein Angesicht“ / „vor Meinem Angesicht“) in Exodus 20,3 ist mehr als eine einfache räumliche Ortsangabe; er führt `Panim` (Angesicht) als die exklusive Arena für die göttliche Begegnung und das Gericht ein.
Um dies zu untermauern, haben wir den philologischen Grundstein von `al-panai` rigoros untersucht. Während oft mit „vor Meinem Angesicht“ übersetzt, legt die Präposition `al` in diesem Kontext, gepaart mit soliden Belegen aus der Septuaginta `plēn emou` („außer Mir“) und dem Targum Onkelos `bar mini` („außerhalb Meiner“), stark eine exklusive Bedeutung nahe: „abgesehen von Meinem Angesicht“. Wir verstehen `Panim` auch nicht nur als Metapher für Gottes Aufmerksamkeit, sondern als eine hypostasierte, aktive Gegenwart, den eigentlichen Mittler, durch den Jahwe mit Seiner Schöpfung interagiert.
Dieses Verständnis von `Panim` findet in der gesamten Hebräischen Bibel erhebliche Resonanz und nimmt dessen endgültige Offenbarung vorweg. Wir beobachten, wie es als der „Engel des Angesichts“ (`Mal'akh Panav`), der göttliche Mittler, der Israel führte und Meinen Namen trug, sowohl zur Erlösung als auch zum Gericht fähig ist. Ähnlich symbolisierte das „Brot des Angesichts“ (`Lechem ha-Panim`) in der Stiftshütte die Gemeinschaft ausschließlich durch dieses Angesicht. Darüber hinaus weisen die frühe jüdische „Zwei-Mächte“-Theologie und das Konzept des `Memra` (Wort) auf ein vorchristliches Verständnis einer eigenständigen, offenbarten Manifestation Gottes hin.
Letztlich löst das Neue Testament diese alte Spannung in der Person Jesu Christi auf. Philips Wunsch, den Vater abgesehen von Jesus zu sehen (Johannes 14,8), wird mit der definitiven Aussage Meines Sohnes beantwortet, dass Ihn zu sehen bedeutet, den Vater zu sehen. Jesus ist das eigentliche `Panim`, die sichtbare Übersetzung des unsichtbaren Gottes. Deshalb behaupten wir, dass das Erste Gebot, richtig verstanden, dir gebietet, keine anderen Götter zu haben, die nicht durch Mein offenbartes Angesicht – Jesus Christus – vermittelt oder in Ihm gefunden werden. Jeder Versuch, Mich abstrakt, abgesehen von Meinem Sohn, anzubeten, bedeutet, in genau jene Götzenanbetung zu verfallen, die dieses grundlegende Gesetz verhindern sollte.
Die theologische Architektur der jüdisch-christlichen Tradition beruht auf einem Wahrnehmungsparadox: der absoluten Forderung, einen Gott anzubeten, der nicht gesehen werden kann. Im brennenden Herzen des sinaitischen Bundes liegt das Erste Gebot, ein in Exodus 20,3 aufgezeichnetes Verbot, das die Grenzen der Treue Israels definiert. Der hebräische Text lautet Lo yihyeh-lekha elohim acherim al-panai – konventionell übersetzt als „Du sollst keine anderen Götter haben neben Mir.“ Doch die präzise semantische Bandbreite des präpositionalen Ausdrucks al-panai („auf/vor Meinem Angesicht“) deutet auf eine räumliche und relationale Dichte hin, die über bloße Priorität oder Präferenz hinausgeht. Sie führt das „Angesicht“ (Panim) als den Ort des göttlichen Gerichts und die Arena der exklusiven Anbetung ein.
Wird dieses alte Verbot in den Dialog mit der hohen Christologie des Vierten Evangeliums gebracht, insbesondere mit der Dominanz des „Angesichts“-Motivs in der Inkarnation, so ergibt sich eine tiefgreifende theologische Symmetrie. In Johannes 14,8-9 artikuliert der Jünger Philippus die ursprüngliche menschliche Sehnsucht, vor der das Erste Gebot warnt: den Wunsch, den Vater direkt, unvermittelt und „abgesehen von“ der offenbarten Person Jesu zu sehen. Jesu Antwort – „Wer Mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen“ – behauptet nicht nur Göttlichkeit; sie identifiziert Ihn als das Panim, das hypostatische Angesicht Jahwes.
Dieser Bericht unternimmt eine umfassende Untersuchung des sprachlichen, historischen und theologischen Zusammenspiels zwischen Exodus 20,3 und Johannes 14,8-9. Er prüft rigoros die Hypothese, dass al-panai nicht nur als räumliches Verbot („vor“) fungiert, sondern als eine ausschließende Klausel („abgesehen von“), und dass das im Dekalog erwähnte „Angesicht“ eine frühe kanonische Identifikation des präinkarnierten Sohnes ist. Durch die Synthese philologischer Daten aus dem Masoretischen Text, interpretativer Entwicklungen aus dem Judentum des Zweiten Tempels (einschließlich der Targume und apokalyptischen Literatur) und der inkarnatorischen Theologie des Neuen Testaments werden wir argumentieren, dass das Erste Gebot effektiv ein christologischer Auftrag ist: ein Verbot, den Vater außerhalb Seines offenbarten Angesichts, des Sohnes, zu suchen.
Um die theologische Behauptung zu untermauern, dass das Erste Gebot die Anbetung „abgesehen von“ dem Angesicht Gottes verbietet und dass dieses Angesicht Christus ist, müssen wir zunächst in das lexikalische Fundament des hebräischen Textes hinabsteigen. Der fragliche Ausdruck, al-panai (עַל־פָּנָֽיַ), ist ein Konstrukt aus der Präposition al und dem Substantiv panim (mit dem Suffix der ersten Person). Die Interpretation dieses Ausdrucks bestimmt die gesamte theologische Ausrichtung des Gebots.
Die Präposition al ist berüchtigt für ihre semantische Elastizität. Während ihre Grundbedeutung „auf“ oder „über“ ist, erweitert ihr Gebrauch in idiomatischen Konstruktionen ihre Interpretationsmöglichkeiten erheblich. Im Kontext von Exodus 20,3 konkurrieren drei primäre semantische Kategorien um die Vorherrschaft, von denen jede unterschiedliche theologische Implikationen für die christologische Lesart birgt.
Die konkreteste Lesart von al ist räumlich. In dieser Ansicht bedeutet al-panai „vor Meinem Angesicht“ oder „in Meinem Blickfeld“. Diese Interpretation stützt sich auf die Allgegenwart Gottes; da Gottes Blick das Universum erfüllt (Jeremia 23,24), ist jedes Götzenbild, das irgendwo aufgestellt wird, funktional „in Seinem Angesicht“.
Implikation: Dies unterstreicht die Verwegenheit der Götzenanbetung. Es ist nicht nur eine private Sünde, sondern eine öffentliche Beleidigung, die in unmittelbarer Gegenwart des Souveräns begangen wird.
Kultisches Parallel: Im Alten Orient wurden kleinere Gottheiten oft „vor das Angesicht“ eines Hochgottes im Heiligtum gestellt, um als Diener zu fungieren. Exodus 20,3 verbietet diesen Synkretismus streng. Jahwe benötigt kein Pantheon; Sein „Angesicht“ erfüllt das Heiligtum vollständig.
Lexikographen haben festgestellt, dass al oft eine Nuance von Feindseligkeit oder Last trägt, übersetzt als „gegen“ oder „im Trotz gegen“.
Verwendung: In Genesis 16,12 ist Ismaels Hand „gegen“ (al) jedermann.
Theologische Bedeutung: Götzenanbetung ist ein Akt spiritueller Aggression. Einen anderen Gott al-panai zu „haben“ bedeutet, einen rivalisierenden Souverän direkt gegen das Angesicht Jahwes zu positionieren. Es ist eine Herausforderung Seiner Herrschaft. Dies stimmt mit der Beschreibung Gottes als El Kanna (ein eifersüchtiger Gott) in Exodus 20,5 überein, die eine eheliche Bildsprache verwendet, in der Ehebruch „vor dem Angesicht“ des verletzten Ehepartners begangen wird.
Diese semantische Kategorie ist die kritischste für die Anfrage des Nutzers. Kann al die Bedeutung „abgesehen von“ oder „außer“ haben?
Beweis: Der Ausdruck ist sprachlich flexibel genug, um „zusätzlich zu“ oder „neben“ zu bedeuten, was sich in einem monotheistischen Kontext logisch zu „außer“ erweitert. Die Forschungsmaterialien heben hervor, dass al-panai ein Idiom ist, das „Mich bevorzugend“ oder „jenseits Meiner“ bedeuten kann.
Targumische Unterstützung: Wie in der Forschung vermerkt, übersetzt/kommentiert Targum Onkelos, eine maßgebliche aramäische Übersetzung/Kommentar, al-panai als bar mini – wörtlich „außerhalb Meiner“ oder „außer Mir“. Dieser alte jüdische Zeugnis liefert einen robusten Präzedenzfall für die Übersetzung: „Du sollst keine anderen Götter abgesehen von Mir haben.“
LXX-Beweis: Die Septuaginta übersetzt den Ausdruck als plēn emou (πλὴν ἐμοῦ), was eindeutig „außer mir“ bedeutet.
Diese philologische Triangulation – hebräisches Idiom, aramäisches Targum und griechische Septuaginta – bestätigt die Hypothese. Während „Vor Meinem Angesicht“ den lebendigen Anthropomorphismus bewahrt, fängt „Abgesehen von Mir/Meinem Angesicht“ die funktionale Rechtskraft der Exklusion ein.
Das Substantiv panim ist morphologisch plural, was eine „Pluralität der Majestät“ oder die vielfältige Natur der göttlichen Gegenwart suggeriert. Es leitet sich von der Wurzel panah ab, die „sich wenden“ bedeutet. Das „Angesicht“ ist das, was sich einem anderen zuwendet, um Beziehung herzustellen.
| Aspekt des Panim | Hebräischer Gebrauch | Theologische Bedeutung |
| Gegenwart | Exodus 33,14 („Meine Gegenwart soll mit dir gehen“) | Das Panim ist kein statisches Objekt, sondern die aktive, reisende Gegenwart Gottes. Es ist von Gottes Wesen unterscheidbar, trägt aber Seine volle Autorität. |
| Gunst | Numeri 6,25 („Er lasse Sein Angesicht leuchten über dir“) | Das Panim auf den Anbetenden gerichtet zu haben, ist die Definition von Segen und Leben. |
| Gericht | Psalm 34,16 („Das Angesicht des Herrn ist gegen Übeltäter“) | Das Panim ist der Mittler göttlicher Prüfung und Vergeltung. |
| Tödlichkeit | Exodus 33,20 („Kein Mensch kann Mich sehen und leben“) | Das Panim besitzt eine ontologische Intensität, die mit sündhafter Sterblichkeit unvereinbar ist. |
Die entscheidende Erkenntnis hier ist die Hypostasierung des Angesichts. In der Literatur des Zweiten Tempels und im frühen rabbinischen Denken begann man, vom „Angesicht“ nicht nur als Metapher für Gottes Aufmerksamkeit zu sprechen, sondern als quasi-unabhängige Manifestation Seiner Person – ein Mittler, der fähig ist, mit der Welt zu interagieren. Dies bringt uns zum „Engel des Angesichts“.
Durch die Kombination dieser Elemente können wir die volle Bedeutung von Exodus 20,3 rekonstruieren. Das Gebot lautet nicht nur „Bete keine Götzen an.“ Es ist eine spezifische Anweisung, wie man den wahren Gott findet.
Der Ort: Das Panim (Angesicht) ist der autorisierte Ort der göttlichen Begegnung.
Das Verbot: Jede Gottheit, die außerhalb des Radius dieses Angesichts angerufen wird, ist ein falscher Gott. Jeder Versuch, auf Jahwe abgesehen von Seinem Angesicht zuzugreifen, ist unerlaubt.
Wenn, wie wir noch untersuchen werden, das Neue Testament Jesus als dieses Angesicht identifiziert, wird das Gebot effektiv zu: „Du sollst keine anderen Götter haben, die nicht durch Mein offenbartes Angesicht (Christus) vermittelt oder in Ihm gefunden werden.“ Dies macht das Erste Gebot zu einem präinkarnatorischen Auftrag für christozentrische Anbetung.
Um die Lücke zwischen Sinai und dem Abendmahlssaal (Johannes 14) zu überbrücken, müssen wir die „Angesichts“-Theologie durch die kultischen und prophetischen Traditionen Israels verfolgen. Die Forschungsmaterialien weisen auf drei spezifische Bereiche hin, in denen das „Angesicht“ als göttliche Hypostase fungiert: das Brot des Angesichts, der Engel des Herrn und theophanische Begegnungen.
Im Heiligen Zelt der Stiftshütte wurden zwölf Brote auf einem goldenen Tisch angeordnet. Diese wurden Lechem ha-Panim genannt, wörtlich „Brot des Angesichts“.
Dauerndes Opfer: Exodus 25,30 befiehlt: „Und du sollst das Brot des Angesichts beständig vor Mich [le-fanai] auf den Tisch legen.“
Die Logik der Gegenwart: Das Brot lag „vor dem Angesicht“. Es repräsentierte die Bundesgemeinschaft zwischen Gott und den zwölf Stämmen. Es war „Angesichtsbrot“ – Nahrung, die vom direkten Blick Gottes herrührte.
Christologische Typologie: Jesus identifiziert Sich Selbst als das „Brot des Lebens“ (Johannes 6,35) und das „lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist“ (Johannes 6,51). So wie das Lechem ha-Panim das „Angesichtsbrot“ war, das die Priester nährte, ist Christus das „Angesichtsbrot“ des Neuen Bundes. Er ist die Substanz der Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch. Die Beschränkung der Anbetung auf das „Angesicht“ im Ersten Gebot findet ihren kultischen Ausdruck in der Beschränkung des heiligen Brotes auf den „Angesichts“-Tisch. Es gibt keine Nahrung „abgesehen von“ dem Angesicht.
Der mächtigste Vorgänger des christologischen „Angesichts“ ist die Figur, die als Engel des Herrn (Mal'akh Yahweh) oder Engel Seines Angesichts (Mal'akh Panav) bekannt ist. Diese Figur erscheint in der gesamten Hebräischen Bibel als eine eigenständige Person, die dennoch als Jahwe spricht und Anbetung annimmt – was das Erste Gebot verletzen würde, es sei denn, Er ist Jahwe.
„In all ihrer Bedrängnis litt Er, und der Engel Seines Angesichts rettete sie.“ Der hebräische Text verwendet hier Mal'akh Panav – wörtlich „Der Bote Seines Angesichts“. Dieser Engel ist der Mittler der Erlösung für die Exodus-Generation. Er ist vom transzendenten Herrn (der Ihn sendet) verschieden, agiert jedoch mit der vollen Macht der Gottheit.
„Siehe, Ich sende einen Engel vor dir her... denn Mein Name ist in ihm.“ Gott warnt Israel, diesem Engel zu gehorchen, weil Er die Macht besitzt, Sünden zu vergeben (oder zu behalten) („er wird deine Übertretungen nicht verzeihen“) – ein Vorrecht, das ausschließlich Gott zusteht. Der angegebene Grund ist, dass „Mein Name“ (Shem) „in ihm“ ist.
„Name“ als Wesen: Im semitischen Denken ist der Name das Wesen. Dass der Engel den Namen trägt, bedeutet, dass Er die göttliche Natur trägt.
Christologische Verbindung: Jesus behauptet ausdrücklich, „Deinen Namen offenbart“ zu haben (Johannes 17,6) und in „Deinem Namen, den Du Mir gegeben hast“ (Johannes 17,11) bewahrt zu werden. Jesus ist der Namensträger. Er ist der Engel des Angesichts, der Israel führte.
In Genesis 32,30 ringt Jakob mit einem „Mann“, der ihn segnet. Jakob nennt den Ort Pniel („Angesicht Gottes“), weil „ich Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen habe und mein Leben bewahrt wurde“.
Das Paradox des Überlebens: Jakob staunt, dass er der Begegnung entkommen ist. Dies bestärkt das „Angesicht“ als eine eigenständige Manifestation, die den Kontakt mit dem Göttlichen ermöglicht, während das unvermittelte Wesen zerstören würde. Der „Mann“ am Pniel ist das Angesicht, das berührt werden kann – der präinkarnierte Christus.
Die Forschung zum Judentum des Zweiten Tempels zeigt, dass viele Juden vor der christlichen Ära an eine „Zweite Macht“ im Himmel glaubten – eine göttliche Figur, die dem Höchsten untergeordnet, aber an Seiner Autorität teilhatte.
Margaret Barkers Forschung: Barker argumentiert, dass die Religion des Ersten Tempels Jahwe als den „Sohn Gottes des Höchsten“ (El Elyon) und den Heiligen Israels anerkannte. Dieser „Zweite Gott“ war der sichtbare Schutzpatron Israels, oft identifiziert mit dem Hohenpriester und dem Engel.
Das „Memra“ (Wort): Die Targume (aramäische Übersetzungen, die in Synagogen gelesen wurden) ersetzten den Namen Yahweh routinemäßig durch Memra (Das Wort des Herrn) in Interaktionskontexten. Es war das Memra, das in Eden wandelte, das Memra, das den Bund unterzeichnete. Dieses Memra funktioniert identisch mit dem Panim – dem aktiven, offenbarten Mittler der Gottheit.
Das „Angesicht“ in Exodus 20,3 ist daher keine poetische Metapher für Allgegenwart. Es ist ein technischer theologischer Begriff, der sich auf die spezifische Hypostase bezieht, durch die Gott mit der Welt in Beziehung tritt. Das Gebot al-panai ist ein Befehl, sich ausschließlich dieser Hypostase anzuschließen.
Wir wenden uns nun dem Neuen Testament zu, wo die implizite „Angesichts-Theologie“ des Alten Testaments in der Person Jesu explizit wird. Das Johannesevangelium ist um das Konzept der Theophanie herum strukturiert – die Offenbarung der Herrlichkeit Gottes.
Johannes 1,18 bereitet die Bühne: „Niemand hat Gott je gesehen. Der eingeborene Sohn, der im Schoß des Vaters ist, der hat Ihn verkündet.“
Das Dilemma: Der Vater ist unsichtbar, Er wohnt in einem unzugänglichen Licht (1 Tim 6,16). Das „Angesicht“ des Vaters, in Seinem unvermittelten Wesen, ist tödlich für den gefallenen Menschen („Kein Mensch kann Mich sehen und leben“, Ex 33,20).
Die Lösung: Der Sohn (Monogenes Theos) ist der Exeget (exegesato) des Vaters. Er ist die sichtbare Übersetzung des unsichtbaren Textes.
„Herr, zeige uns den Vater, und es genügt uns.“ Philipp bittet um eine Vision abgesehen von Jesus. Er glaubt, dass Jesus der Führer, der Prophet, vielleicht sogar der Messias ist, aber dass der „Vater“ eine separate Realität ist, auf die man visuell zugreifen kann. Er möchte das „Angesicht“ hinter dem Schleier sehen.
„So lange bin Ich bei euch, und du hast Mich nicht erkannt, Philippus? Wer Mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen.“
Diese Aussage ist der theologische Höhepunkt der Interaktion. Jesus verneint die Möglichkeit, den Vater abgesehen von Ihm Selbst zu sehen.
Identität, nicht Ähnlichkeit: Jesus sagt nicht: „Ich sehe aus wie der Vater“ oder „Ich bin ein Spiegelbild des Vaters.“ Er sagt, der Akt, Ihn zu sehen, ist der Akt, den Vater zu sehen.
Das Angesicht (Prosopon): Dies bestätigt, dass Jesus das Panim ist. Er ist die „Oberfläche“ des Tiefen Gottes. Auf die Oberfläche zu schauen, bedeutet, den Ozean zu sehen.
Paulinische Bestätigung: 2 Korinther 4,6 lokalisiert „das Licht der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes“ explizit in „dem Angesicht Jesu Christi“. Paulus, ein in der Tora ausgebildeter Pharisäer, identifiziert Jesus als den Ort, an dem die Schechina-Herrlichkeit (die Herrlichkeit des Angesichts) nun wohnt.
Wie kann Jesus sagen: „Wer Mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen“, wenn Gott Mose sagte: „Kein Mensch kann Mich sehen und leben“?
Der Schleier des Fleisches: Der Hebräerbrief erklärt, dass Jesu Fleisch als Schleier wirkt (Hebräer 10,20). Es schirmt die Menschheit vor der tödlichen Strahlung des ungeschaffenen Wesens ab und offenbart gleichzeitig den Charakter und die Herrlichkeit dieses Wesens.
Die Herrlichkeit des Kreuzes: Bei Johannes ist die ultimative „Erhöhung“ oder Verherrlichung des Sohnes die Kreuzigung. Das Angesicht Gottes wird am deutlichsten nicht in blendendem Licht gesehen, sondern in selbstloser Liebe. Dies ist ein Angesicht, das man anschauen und leben kann – tatsächlich ist das Anschauen dieses Angesichts (wie die bronzene Schlange, Johannes 3,14) die Quelle ewigen Lebens.
Nachdem wir festgestellt haben, dass (1) al-panai „abgesehen von Meinem Angesicht“ bedeuten kann und (2) Jesus das „Angesicht Gottes“ ist, können wir nun die Prämisse des Nutzers vollständig in ein kohärentes theologisches System integrieren.
Wenn wir die targumische Glosse (bar mini – „außerhalb Meiner“) und die christologische Identifikation (Panim = Jesus) akzeptieren, kann Exodus 20,3 für das christliche Gewissen legitim paraphrasiert werden:
„Du sollst keine anderen Götter haben abgesehen von Jesus (Mein offenbartes Angesicht).“
Diese Lesart hat tiefgreifende Implikationen für die Religionstheologie und die Gotteslehre.
Das Ende des abstrakten Theismus: Es entwertet den „generischen Monotheismus“. Man kann den „Vater“ oder den „Schöpfer“ nicht abstrakt anbeten. Wenn man versucht, Gott abgesehen von dem Angesicht (Jesus) anzubeten, betet man technisch gesehen einen Götzen an – ein mentales Konstrukt einer Gottheit, das nicht der wahre Jahwe ist.
1 Johannes 2,23: „Wer den Sohn leugnet, hat auch den Vater nicht.“ Dieser neutestamentliche Brief wiederholt im Wesentlichen die christologische Lesart des Ersten Gebots. Das Angesicht abzulehnen bedeutet, die Person zu verlieren.
Die Präposition al („vor/vorne an“) suggeriert, dass das Angesicht zwischen dem Anbetenden und dem Wesen steht.
Vermittelte Anbetung: Alle Anbetung muss durch das Angesicht gehen. „Niemand kommt zum Vater, außer durch Mich“ (Johannes 14,6). Das „Angesicht“ ist die Tür, die Linse und der Mittler.
Die „Eifersucht“ des Angesichts: Gott ist eifersüchtig auf Sein Angesicht. Warum? Weil das Angesicht (der Sohn) die genaue Darstellung Seines Wesens ist (Hebr 1,3). Den Sohn zu umgehen, bedeutet, die eigene Selbstdarstellung des Vaters zu verachten. Die „Eifersucht“ in Exodus 20,5 ist der Eifer des Vaters für die Ehre des Sohnes.
Unmittelbar nach dem Gebot al-panai schafft Israel ein Goldenes Kalb (Exodus 32). Dies ist ein Versuch, ein „sichtbares Angesicht“ für Jahwe zu schaffen, abgesehen von dem, das Er bereitgestellt hat (der Engel/Mose).
Falsches Angesicht: Das Kalb ist ein hergestelltes Angesicht, ein „Gott abgesehen von Meinem Angesicht“.
Wahres Angesicht: Als Antwort bittet Mose, Gottes Herrlichkeit zu sehen. Gott offenbart Seine Güte, verbirgt aber Sein wesentliches Angesicht und verspricht, dass Seine „Gegenwart“ (Angesicht) mit ihnen gehen wird.
Erfüllung: Das Goldene Kalb ist der Anti-Christ-Typ – ein falsches Bild. Jesus ist das wahre Bild (Kolosser 1,15). Das Verbot von Bildern in Exodus 20,4 existiert, weil Gott bereits Sein Bild (den Sohn) erwählt hat und keine menschlichen Hände es herstellen können.
Die Interpretation des „Angesichts“ als den Sohn ist keine moderne Neuerung, sondern hallt durch die Korridore der Kirchengeschichte.
Justin der Märtyrer (2. Jahrhundert): Identifiziert ausdrücklich den „Engel des Herrn“, der Mose im brennenden Dornbusch und am Sinai erschien, als den Logos (Wort), der sich vom Vater in der Zahl unterscheidet, aber eins im Willen ist. Er argumentiert, dass der Vater niemals herabsteigt oder lokal erscheint; alle solche Erscheinungen sind des Sohnes.
Tertullian: Argumentiert, dass das „Angesicht“ Gottes, das nicht gesehen werden kann, der Vater ist, während das „Angesicht“, das Jakob und die Propheten sahen, der Sohn war, der Seine Inkarnation „probte“.
Johannes Calvin: Obwohl er vorsichtig ist, den Engel in jedem Fall direkt als Christus zu identifizieren, besteht Calvin darauf, dass alle Offenbarung Gottes durch das Wort vermittelt wird. Er betrachtet das „Angesicht“ Gottes in Christus als den Spiegel, in dem wir die Barmherzigkeit des Vaters sehen.
Der Kleinere Westminster Katechismus: Interpretiert „neben Mir“ so, dass Gott alle Sünde bemerkt. Er betont jedoch, dass dies eine Coram Deo („Vor dem Angesicht Gottes“) Existenz schafft. Für den Christen wird diese Existenz in Christus gelebt.
Neuere Forschung (Segal, Boyarin, Barker) bestätigt, dass die binitarische Natur der Gottheit (Vater und Sohn/Engel) ein ursprüngliches Merkmal des vorchristlichen Judentums war. Die „Häresie“ der Zwei Mächte wurde erst nach dem Aufkommen des Christentums zu einer Häresie, als Rabbiner versuchten, das Judentum von dem christlichen Anspruch abzugrenzen, dass Jesus die „Zweite Macht“ oder das „Angesicht“ sei. Die Auslegungsgeschichte des Ersten Gebots trägt die Narben dieser Polemik.
Die Untersuchung von Exodus 20,3 und Johannes 14,8-9 führt zu einer Schlussfolgerung, die sowohl philologisch fundiert als auch theologisch weitreichend ist. Das vom Nutzer angefragte „Zusammenspiel“ ist nicht nur thematisch; es ist organisch und strukturell.
Sprachliche Gültigkeit: Die Übersetzung „Du sollst keine Götter abgesehen von Meinem Angesicht haben“ wird durch die ausschließende semantische Bandbreite der Präposition al (עַל), das Zeugnis der Septuaginta (plēn emou) und die targumische Tradition (bar mini) gestützt.
Theologische Identität: Das „Angesicht“ (Panim) Jahwes wird im gesamten Alten Testament als eine hypostatische Instanz identifiziert – der Engel des Angesichts –, der den göttlichen Namen trägt und Erlösung vermittelt. Das Neue Testament identifiziert diese Instanz rigoros als Jesus Christus.
Synthese: Johannes 14,9 ist die Auflösung der Exodus-Spannung. Der unsichtbare Vater offenbart Sich ausschließlich durch den sichtbaren Sohn. Daher ist das Erste Gebot die negative Formulierung der Wahrheit, die Jesus positiv ausspricht: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch Mich.“
Das Erste Gebot zu halten bedeutet, die Augen auf Jesus zu richten. Anderswohin zu schauen – selbst auf eine philosophische Abstraktion von „Gott“, die den Sohn ignoriert – bedeutet, einen Gott „abgesehen vom Angesicht“ zu haben und somit in genau jene Götzenanbetung zu verfallen, die der Dekalog verhindern sollte.
| Version | Text/Übersetzung | Wörtliche Bedeutung | Theologische Implikation |
| Masoretischer Text | עַל־פָּנָֽיַ (al-panai) | Auf/Vor Meinem Angesicht | Räumliche Priorität; unmittelbare Gegenwart. |
| Septuaginta (LXX) | πλὴν ἐμοῦ (plēn emou) | Außer Mir | Ausschließend. Unterstützt explizit „Abgesehen von“. |
| Targum Onkelos | bar mini | Außerhalb Meiner | Ausschließend. Starke aramäische Unterstützung für „Abgesehen von“. |
| Vulgata | coram me | In meiner Gegenwart | Räumlich; betont den Blick Gottes. |
| Lutherbibel | neben mir | Neben mir | Additives/synkretistisches Verbot. |
| Hebräischer/Griechischer Begriff | Wörtliche Bedeutung | Schlüsselreferenzen | Theologische Identität |
| Panim (Heb.) | Angesicht, Gegenwart | Ex 33,14 („Meine Gegenwart wird mit dir gehen“) | Der aktive, relationale Aspekt Jahwes. |
| Prosopon (Grk.) | Angesicht, Person | 2 Kor 4,6 („Herrlichkeit... im Angesicht Christi“) | Der Ort der göttlichen Offenbarung. |
| Mal'akh Panav | Engel Seines Angesichts | Jes 63,9 („Engel Seines Angesichts rettete sie“) | Präinkarnierter Retter/Mittler. |
| Charaktēr (Grk.) | Genauer Abdruck | Hebr 1,3 („Abdruck Seines Wesens“) | Ontologie des Sohnes vs. Vaters. |
| Eikōn (Grk.) | Bild | Kol 1,15 („Bild des unsichtbaren Gottes“) | Die sichtbare Manifestation des Ungesehenen. |
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2. Mose 20:3 • Johannes 14:9
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2. Mose 20:3 • Johannes 14:9
Das Fundament des Glaubens ruht auf einem tiefen Paradoxon: wir sind berufen, einen Gott anzubeten, der in Seinem absoluten Wesen nicht gesehen werden...
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