Und ich hörte die Stimme des Herrn fragen: Wen soll ich senden, und wer wird für uns gehen? Da sprach ich: Hier bin ich, sende mich! — Jesaja 6:8
Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Gehet hin und verkündiget dem Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde werden sehend, Lahme wandeln, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote werden auferweckt, Armen wird das Evangelium gepredigt, — Lukas 7:22
Zusammenfassung: Indem wir die biblische Erzählung von Jesajas Tempelvision bis zum Dienst Jesu verfolgen, entdecken wir einen Gott, dessen tiefstes Verlangen Wiederherstellung statt Gericht ist. Während der alte Prophet beauftragt wurde, Augen zur Strafe für Sünde zu verblenden, kam Jesus als der wahre Freiwillige, um diesen Fluch umzukehren und die Augen der Blinden zu öffnen. Er beantwortet die göttliche Frage: „Wen soll ich senden?“ nicht mit einem Hammer der Verurteilung, sondern mit der Kraft der heilenden Gnade. Nun werden wir mit demselben freudigen Ziel in die Welt gesandt: zu verkünden, dass der König auf Seinem Thron sitzt und die Ära der geistlichen Verblendung vorbei ist.
Die biblische Erzählung bietet uns eine tiefe Symmetrie zwischen zwei unterschiedlichen Momenten der Geschichte: einer Vision in einem rauchgefüllten Tempel im achten Jahrhundert v. Chr. und einer staubigen Begegnung auf dem Lande Galiläas im ersten Jahrhundert. Diese beiden Ereignisse – die Berufung des Propheten Jesaja und die Antwort Jesu an Johannes den Täufer – sind nicht nur ähnliche Szenen der Beauftragung; sie repräsentieren das Verriegeln und Entriegeln der Tür zum Heil. Indem wir die tiefe Verbindung zwischen der Frage des Dreieinigen Gottes im Alten Testament und der Antwort des Messias im Neuen Testament untersuchen, entdecken wir einen Gott, dessen tiefstes Verlangen nicht die Verblendung der Augen, sondern die Wiederherstellung des Augenlichts ist.
Um die Tragweite des Evangeliums zu verstehen, müssen wir uns zuerst der Krise stellen, die es ausgelöst hat. Der prophetische Ruf beginnt in einem Moment nationalen Traumas: dem Tod König Usijas. Über ein halbes Jahrhundert lang war Usija eine Säule der Stabilität und des Wohlstands gewesen. Sein Tod, verbunden mit seinem tragischen Ende in Lepra und Isolation, signalisierte ein Führungsvakuum und den beängstigenden Aufstieg feindlicher Reiche. In genau diesem Moment irdischer Instabilität wird der Schleier zurückgezogen und offenbart die einzig wahre Stabilität im Kosmos: den Herrn, hoch und erhaben, auf einem ewigen Thron sitzend.
Diese Vision lehrt den Gläubigen eine grundlegende Wahrheit: irdische Throne mögen sich leeren und politische Horizonte sich verdunkeln, aber die göttliche Regierung bleibt unerschüttert. Doch diese Heiligkeit ist für die sündige Menschheit gefährlich. Konfrontiert mit der absoluten Reinheit des Schöpfers, fühlt sich der Prophet nicht gestärkt; er fühlt sich zunichte gemacht. Er erkennt, dass seine Lippen – die Werkzeuge, die für seinen Dienst benötigt werden – unrein sind, ein Spiegelbild einer Gesellschaft, die ihren Weg verloren hat. Die Gnade begegnet ihm dort, nicht mit einer Belehrung, sondern mit einer glühenden Kohle vom Altar. Der Schmerz der glühenden Kohle deutet auf die notwendige Strenge der Reinigung hin; Schuld wird durch die Glut der Sühne entfernt.
Nachdem der Prophet gereinigt ist, belauscht er die göttliche Beratung: eine mehrfache Anfrage, wer im Namen des himmlischen Rates gehen wird. Der Prophet meldet sich freiwillig mit dem berühmten Ruf völliger Verfügbarkeit: „Hier bin ich! Sende mich!“ Doch die Mission, die er annimmt, ist schwer und herzzerreißend. Er wird beauftragt, zu einem Volk zu sprechen, das die Wahrheit beharrlich abgelehnt hat. Seine Verkündigung wird einem richterlichen Zweck dienen: Sie wird ihre Rebellion festigen, ihre Augen verblenden, ihre Ohren taub machen und ihre Herzen verstocken.
Diese „negative Mission“ etabliert eine Entwicklung der geistlichen Sinnesberaubung. Jahrhunderte lang würde das Volk Gottes in einem Zustand selbstauferlegter Dunkelheit existieren, unfähig, die göttliche Realität wahrzunehmen, und auf das Urteil des Exils warten, bis es seinen Lauf genommen hatte. Die Prophezeiung hinterließ eine drängende Frage in der Geschichte: Wenn der Prophet gesandt wurde, ihre Augen zu schließen, damit sie nicht geheilt würden, wer würde dann gesandt werden, um sie zu öffnen?
Jahrhunderte später verschiebt sich die Erzählung vom Palast in ein Gefängnis. Johannes der Täufer, der Vorläufer des Messias, sitzt in Ketten. Nachdem er ein Evangelium von Feuer und Äxten gepredigt und das unmittelbare Gericht über die Bösen erwartet hatte, ist Johannes durch den Dienst Jesu verwirrt. Es gibt kein Feuer, nur Barmherzigkeit. Es gibt keinen politischen Umsturz, nur Mahlzeiten mit Sündern. In seiner Not sendet er Boten, um zu fragen, ob Jesus wirklich der „Kommende“ sei oder ob sie auf einen anderen warten sollten.
Dieser Moment resoniert mit jedem Gläubigen, der die Stille Gottes erlebt hat. Wenn unsere theologischen Zeitlinien nicht mit Gottes providentiellem Verlauf übereinstimmen, schleicht sich Zweifel ein. Johannes erwartete den „Tag der Rache“, doch Jesus verwirklichte das „Jahr des Herrn“.
Jesus antwortet Johannes nicht mit einem Tadel oder einer theologischen Abhandlung. Stattdessen antwortet er mit Kraft. Genau in der Stunde, in der die Frage gestellt wird, bewirkt Jesus eine Kaskade von Wundern, die den Fluch Jesajas explizit umkehren. Er weist die Boten an, zu berichten, was sie gesehen haben: die Blinden werden sehend, die Tauben hören, die Aussätzigen werden rein, und den Armen wird das Evangelium verkündet.
Dies ist der theologische Höhepunkt der Erzählung. Wo der alte Prophet gesandt wurde, die Augen zu verblenden und die Ohren zu verstopfen als Strafe für Sünde, offenbart der Messias, dass Er gesandt wurde, die Augen zu öffnen und die Ohren zu entstopfen als Gnadengeschenk. Die sprachliche Verbindung zwischen dem hebräischen Wort für „senden“ und dem griechischen Wort für „Apostel“ bestätigt, dass Jesus der ultimative Freiwillige ist. Er ist die endgültige Antwort auf die Frage: „Wen soll ich senden?“ Er trat hervor, nicht um den letzten Richterschlag des Gerichts zu bringen, sondern um die Kosten der Heilung zu tragen.
Dieser tiefe Einblick in die Schrift schließt mit einer wichtigen Anwendung für die moderne Kirche ab. Auch wir sind ein „gesandtes“ Volk. Doch anders als der alte Prophet, dessen Botschaft dazu bestimmt war, Herzen zu verhärten, handeln wir im Auftrag des Messias. Wir werden mit der spezifischen Autorität in die Welt gesandt, zu verkünden, dass die Ära der Verblendung vorbei ist.
Wir sind berufen, Agenten dieser großen Wende zu sein. Jedes Mal, wenn wir uns in Taten der Barmherzigkeit engagieren, jedes Mal, wenn wir den Armen das Evangelium verkünden, und jedes Mal, wenn wir eine zweifelnde Seele auf die Beweise der Gnade Gottes hinweisen, verkünden wir, dass der König auf Seinem Thron sitzt und Sein Wunsch es ist, zu heilen. Das „Hier bin ich“ des Gläubigen ist keine Resignation vor einer tragischen Pflicht, sondern eine freudige Verpflichtung im Dienst des Augenöffnens und der Befreiung von Gefangenen. Wir dienen einem Gott, der die Zerbrochenen verbindet und der das letzte Wort über die Stille der Welt hat.
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